«Die Physiotherapie befindet sich in einem grossen Wandel»

Das Institut für Physiotherapie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften arbeitet an der Zukunft der Physiotherapie. Institutsleiter Markus Wirz und Sportphysiotherapeutin Annika Zind über neue Technologien und die Zusammenarbeit mit VAMED Schweiz.

Text: Luk von Bergen // Bilder: Markus Lamprecht


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Markus Wirz, Leiter des ZHAW‐Instituts für Physiotherapie und der Forschung und Entwicklung, mit Annika Zind, Sportphysiotherapeutin VAMED, an Treppengeländer im Departement Gesundheit der ZHAW in Winterthur.

Herr Wirz, sitzen Sie bequem?

Wirz: Ja, danke. Sie sprechen wohl die Sitzhaltung an, die durchaus Auswirkungen auf das körperliche Wohlbefinden haben kann. Es ist allerdings ein Mythos, dass man eine bestimmte Haltung einnehmen muss, um keine Beschwerden zu bekommen. Die Forschung zeigt, dass das nicht so relevant ist wie jahrelang angenommen.

Was ist denn wichtiger?

Zind: Regelmässige körperliche Aktivität ist viel entscheidender. Ein dynamisches Wechseln der Haltung und bewusste Entspannung sorgen dafür, dass man sich am Abend immer noch beweglich fühlt. Gerade wenn man einen Bürojob hat, sollte man darauf achten, immer wieder aufzustehen, herumzulaufen oder gewisse Arbeiten auch mal im Stehen zu erledigen.

Wirz: Ob Rolltreppe, Lift, E-Trottinett, E-Bike: Es fällt auf, dass in unserer Gesellschaft viel dafür getan wird, möglichst wenig aktiv zu sein. Dabei bleibt der Körper gesund, wenn man sich bewegt, denn dazu ist er gemacht. Körperliche Inaktivität ist zu einer Art Epidemie geworden, die immer stärker um sich greift.

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Bewegung ist wichtig für den Körper, so bleibt er gesund.

Sind deshalb Beschwerden wie Rückenschmerzen derart verbreitet?

Wirz: Etwa 90 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer haben im Verlauf ihres Lebens Rückenschmerzepisoden. Lange hat man angenommen, die Ursache sei biomechanischer Natur. Allerdings finden wir in den wenigsten Fällen spezifische Gründe für die Schmerzen. Überwiegend spricht man von unspezifischen Rückenschmerzen, da keine Ursache ersichtlich ist. Wenn man diese Patientinnen und Patienten röntgt, findet man möglicherweise schon körperliche Gründe für die Schmerzen – allerdings sieht man dasselbe auch auf den Röntgenbildern bei Menschen ohne Rückenbeschwerden.

Wie könnte in solchen Fällen das weitere Vorgehen aussehen?

Wirz: Früher wurden solche Patienten einfach operiert, in der Hoffnung, dass danach alles gut ist. Heute geht man von einem anderen Schmerzverständnis aus. Das Schmerzmodell hat sich vom rein biomedizinischen zum biopsychosozialen Verständnis entwickelt. Es geht also um eine ganzheitliche Betrachtung. Die Lebensumstände, die soziale Situation und der psychische Zustand eines Menschen können sich in einer körperlichen Belastung zeigen. Faktoren, die es bei der Diagnose und der Behandlung zu berücksichtigen gilt – beispielsweise anhand von Fragebögen, mit denen die Perspektive der Betroffenen einbezogen wird. Ein Themenfeld, das sich in der Forschung immer stärker etabliert.

Apropos Forschung: Frau Zind, Sie arbeiten nicht nur im VAMED Rehazentrum Zürich, sondern auch im Bewegungslabor der ZHAW. Wie sehen Ihre beiden Aufgaben aus?

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Zind: Im VAMED Rehazentrum Zürich arbeite ich zwei Tage die Woche als Physiotherapeutin, Schwerpunkt Sportphysiotherapie und muskuloskelettale Physiotherapie, also überwiegend in der Behandlung von akuten und chronischen Beschwerden am Bewegungsapparat. Hier kann ich das Wissen von der ZHAW in der Praxis anwenden, die Bedingungen sind optimal. Die restlichen drei Arbeitstage forsche ich im Bewegungslabor der ZHAW. Hier führen wir mit verschiedenen Messsystemen Bewegungsanalysen durch. Oder wir arbeiten gemeinsam mit Partnerinnen und Partnern an verschiedenen Forschungsprojekten und führen Studien durch – beispielsweise mit VAMED.

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«Gerade die partizipative Forschung, also der Austausch mit unseren Patientinnen und Patienten, ist sehr wichtig und trägt entscheidend zu unseren Forschungsresultaten bei.»

Annika Zind
Sportphysiotherapeutin VAMED und ZHAW

Worum geht es dabei?

Zind: Unsere Forschungsschwerpunkte sind im Bereich der Bewegungswissenschaften neue Technologien und Assessments in der Physiotherapie. Wir führen hierzu verschiedene Projekte durch und erforschen beispielsweise, wie neue Technologien bei spezifischen Beschwerden angewendet werden können. Als Schnittstelle zwischen der ZHAW und VAMED bewege ich mich zwischen Theorie und Praxis. Ich kann also die Anliegen und Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten, aber auch des Physioteams von VAMED in die Forschung einbringen, was für beide Seiten Vorteile hat. Gerade die partizipative Forschung, also der Austausch mit unseren Patientinnen und Patienten, ist sehr wichtig und trägt entscheidend zu den Resultaten bei.

Wirz: VAMED bietet eine ambulante, multiprofessionelle Rehabilitation an, die es sonst praktisch nur stationär gibt. Gerade am Standort im Seefeld mit den sensorbasierten und robotischen Systemen ist es relevant, Nachweise zu erbringen, die zeigen, dass entsprechende Therapieformen wirksam sind. Forschung ist nicht nur dazu da, neue Erkenntnisse zu gewinnen, sondern auch dazu, die Dinge regelmässig zu reevaluieren. Was wir bisher noch nicht erwähnt haben: Sämtliche unserer Studentinnen und Studenten hospitieren während ihrer Ausbildung mehrere Tage im VAMED Rehazentrum Seefeld, bald sind auch Praktika vor Ort möglich. Praktische Erfahrungen in der Physiotherapie zu sammeln, war bisher nur in Spitälern erlaubt. Ziel ist es, uns künftig auch in der Personalentwicklung gegenseitig zu unterstützen und auszutauschen.

Wie lange dauert es, bis Forschungsergebnisse in der Praxis ankommen?

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Wirz: Im Allgemeinen ist es oft so, dass zwar Erkenntnisse vorliegen, aber nicht angewendet werden. Man spricht in diesem Zusammenhang von einem «evidence-practice gap», einer Lücke zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und der täglich gelebten Praxis. Das hat verschiedene Gründe. Ein Beispiel: Bei der Häufigkeit von Operationen im Zusammenhang mit einer Kniearthrose schwingt die Schweiz im internationalen Vergleich obenaus. Dabei weiss man heute, dass eine OP in vielen Fällen und mit der richtigen physiotherapeutischen Behandlung erst in einer späteren Phase oder gar nicht nötig wäre. Allerdings findet diesbezüglich ein Umdenken statt.

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«Bewegung auf Rezept ist in der Schweiz leider noch nicht bekannt. Das möchten wir ändern.»

Markus Wirz
Leiter des ZHAW‐Instituts für Physiotherapie und der Forschung und Entwicklung

Wo genau liegen die Stärken der Physiotherapie?

Wirz: Wir sind spezialisiert auf körperliche Aktivität und gezieltes Training. Unsere Therapien sind nicht nur wirksam, sondern auch risikoarm. Deshalb setzen wir uns dafür ein, das Potenzial der körperlichen Aktivität stärker zu implementieren – sei es bei der Behandlung kranker Menschen, aber auch zur Prävention. Gerade bei chronischen nichtübertragbaren Krankheiten, die sich immer stärker ausbreiten, wie Herz-Kreislauf-Krankheiten, muskuloskelettale Krankheiten, Atemwegserkrankungen oder Diabetes, spielt die Bewegung eine grosse Rolle. Bewegung beeinflusst auch den Krankheitsverlauf bei Krebs positiv, da liegt viel Potenzial. Hat jemand Beschwerden, werden in der Regel Medikamente verschrieben. Bewegung auf Rezept ist in der Schweiz leider noch nicht bekannt. Das möchten wir ändern.

Zind: Eine weitere Stärke der Physiotherapie liegt in der individuellen Behandlung. Meine Aufgabe ist es, die Patientinnen und Patienten zu begleiten, zu unterstützen und in gewisser Weise auch Verhaltensänderungen zu erwirken, die zu körperlichen Verbesserungen führen. Die betroffene Person ist dabei kein passives Element, im Gegenteil. Fehlen Einverständnis und Bereitschaft, ist keine Therapie wirksam. Am schönsten ist es für mich, wenn ich eine Therapie abschliessen kann und die Patientin oder der Patient eine Art Handwerkskoffer hat, auf den sie oder er zurückgreifen kann. Das Ziel ist es nicht, jemand ein Leben lang zu behandeln, sondern die Eigenverantwortung zu fördern, damit sich die Person selbst helfen kann.

Wie entwickelt sich die Physiotherapie weiter?

Wirz: Die Physiotherapie befindet sich in einem Wandel von der biomedizinischen Betrachtung hin zum bereits erwähnten biopsychosozialen Modell. Die Ansätze von früher werden neu überdacht – weg von der «hands-on»-Therapie zur aktiven Therapie, zu einer Art Coaching. Ausserdem ist die Physiotherapie seit bald zwanzig Jahren eine akademische Profession, die nach wissenschaftlichen Standards eigene Therapien und Konzepte entwickelt und evaluiert.

Das Institut für Physiotherapie

Die ZHAW bietet in Winterthur diverse Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten an. Das Angebot reicht von Bachelor- und Masterstudiengängen bis zu verschiedenen Weiterbildungen in Physiotherapie und Gesundheitswissenschaften. In Kooperation mit der Universität Zürich besteht die Möglichkeit, ein Doktorat zu erwerben. Nebst der Aus- und Weiterbildung liegt ein weiterer Schwerpunkt des Instituts auf der Forschung und Entwicklung der Physiotherapie – dies unter anderem mit Partnerinnen und Partnern wie VAMED Schweiz.

Zum Angebot

 

Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?

Wirz: Die Digitalisierung ist ein grosses Thema in der Physiotherapie. Die heutigen technologischen Möglichkeiten sind sehr vielseitig und spannend. Hier liegt ein grosses Potenzial, insbesondere was die individuelle Trainingsbelastung und die präzise Analyse der Trainingsdaten betrifft. Die Übungen spielerisch und mit Unterstützung eines Bildschirms umzusetzen, sind wichtige, weil motivierende Elemente. Ausserdem gibt es inzwischen viele Apps und Wearables, tragbare Sensoren, die – sofern sinnvoll eingesetzt – auch dazu beitragen, dass sich die Leute ausreichend und richtig bewegen.

Zind: Die neuen Technologien sollen die bisherigen Mittel nicht komplett ablösen, sondern ergänzen. Und Daten allein bringen nichts, solange man sie nicht versteht und die richtigen Schlüsse daraus zieht. Entscheidend bleibt dabei ein gezieltes Trainingsprogramm, um die gewünschten Effekte zu erzielen.

Zum Schluss: Wie gross ist das Interesse am Studienangebot der ZHAW?

Wirz: Sehr gross, grundsätzlich haben wir immer etwa doppelt so viele Anfragen wie freie Studienplätze. Das hat mit dem ganzen Themenfeld, der Entwicklung des Berufs und der steigenden Relevanz der Physiotherapie zu tun.

Zu den Personen

Annika Zind (29) hat 2021 in Winterthur den Master in Physiotherapie abgeschlossen. Sie forscht einerseits im Bewegungslabor der ZHAW, andererseits arbeitet sie als Sportphysiotherapeutin im VAMED Rehazentrum Zürich Flughafen.

Prof. Dr. Markus Wirz (56) hat 1991 seine Ausbildung zum Physiotherapeuten abgeschlossen. Danach war er über zwanzig Jahre in der Reha tätig, unter anderem in der Paraplegie. Seit neun Jahren ist er am Institut für Physiotherapie der ZHAW zuständig für Forschung und Entwicklung.